Objekt des Monats November 2025

Ibisschnabel Ibidorhyncha struthersii Vigors, 1832

In vielen Sprachen ist der Name dieses Vogels die direkte Übersetzung der Gattungsbezeichnung und beschreibt das typische Merkmal dieses zu den Regenpfeiferartigen (Charadriiformes) zählenden Vogels sehr gut! Er steht den Austernfischern und Säbelschnäblern nahe, unterscheidet sich aber morphologisch und genetisch so sehr, dass er als einziger Vertreter der Famile der Ibisschnäbel (Ibidorhynchidae) gilt.

Mit einer Länge von 39 – 41 cm und einem Gewicht von 270 – 320 g ist diese kompakte, aber dennoch sehr elegante Art ein mittelgroßer Vertreter der Watvögel. In der Regel sind die Weibchen größer und schwerer als die Männchen und besitzen auch einen längeren Schnabel (68 – 82 mm). Dieser karminrote, gekrümmter Schnabel und vor allem seine Gefiederzeichnung machen den Ibisschnabel zu einem unverwechselbaren Vogel. Doch gerade diese auffällig erscheinende Zeichnung lässt ihn in seinem Lebensraum fast unsichtbar werden (Somatolyse).

Über diese Art ist trotz des großen Verbreitungsgebietes nur wenig bekannt, denn sie bewohnt die dünn besiedelten Hochländer Zentralasiens und wird auch von der einheimischen Bevölkerung meist übersehen. Außerhalb der Fortpflanzungszeit lebt er als territorialer Einzelgänger in der Umgebung langsam fließender Flüsse; er schwimmt sehr gut und ernährt sich vor allem von an der Wasseroberfläche treibenden Insekten sowie von Krebstieren, Eintagsfliegen- und Steinfliegenlarven, die er mit seinem spezialisierten Schnabel zwischen den Kieseln sucht. Vor allem in den Wintermonaten fängt aber er auch kleine Fische.

Ibisschnäbel sind zumindest saisonsmonogam und bebrüten abwechselnd das Gelege aus zwei bis meist vier graugrünen, braun gefleckten Eiern. Während der Brut wird der leuchtend rote Schnabel häufig unter dem Flügel verborgen, was den Vogel noch unauffälliger macht. Die Jungen werden auch nach dem Flüggewerden mit etwa 50 Tagen noch von ihren Eltern geführt und verteidigt.

Ibisschnäbel bleiben das ganze Jahr in ihrer Region, führen aber Vertikalwanderungen durch: Im März erscheinen sie in ihren hochgelegenen Brutgebieten, die sie ab Oktober wieder verlassen und talabwärts ziehen. Möglicherweise ändert sich auch dieses Verhalten durch den Klimawandel.

Zwei unserer Ibisschnabel-Balgpräparate stammen von der Münchener Himalaya-Expedition 1961/62, bei der Dr. Gerd Diesselhorst, Kurator der Sektion Ornithologie der ZSM von 1951 bis 1973, die Vogelwelt Zentral- und Ost-Nepals studierte und viele Belege mitbrachte. 1968 erschienen seine »Beiträge zur Ökologie der Vögel Zentral- und Ost-Nepals« in der Buchreihe »Khumbu Himal«.

3 Fakten über den Ibisschnabel und andere Regenpfeiferartige

  • »Kleinfamilien«: Über 400 Arten in 19 Familien werden zu den Regenpfeiferartigen gestellt; davon bestehen 5 Familien aus nur einer Art und je eine aus 2, 3 oder 4 Arten.
  • Die liebe Verwandtschaft: Ibisschnäbel waren schon den Schnepfenartigen (Scolopacidae), den Säbelschnäblern (Recurvirostridae) und den Austernfischern (Haematopodidae) zugeordnet. Heute werden sie als Schwestergruppe der Austernfischer angesehen und bilden mit diesen wiederum die Schwestergruppe zu den Säbelschnäblern. Diese wahrscheinlich schon recht früh von den übrigen Charadriiformes abgespaltenen Familien haben alle lange bis sehr lange Schnäbel, deren Form von gerade bis nach unten oder nach oben gebogen reicht.
  • Das Beste zum Schluss: Der Ibisschnabel wird nicht vom Menschen verfolgt oder anderweitig negativ beeinflusst und ist erfreulicherweise in seinem Bestand derzeit nicht gefährdet.

Abbildungen

Abb. 1: Balg des Ibisschnabels von der Münchener Himalaya-Expedition. Foto: M. Unsöld, ZSM

Literatur

Del Hoyo, J., Elliott, A. & Sargatal, J. eds. (1996) Handbook of the Birds of the World. Vol. 3. Hoatzin to Auks. Lynx Edicions, Barcelona

Winkler, D. W., Billerman S. M., Lovette, I. J. (2015) Bird Families of the World. Lynx Edicions, Barcelona.

Markus Unsöld