Objekt des Monats Dezember 2025
Ren Rangifer tarandus L., 1758
Beim Ren, Rentier oder Karibu handelt es sich um eine Hirschart, zu der unsere Spezies eine kulturelle und ökonomische Bindung wie zu keiner anderen Art der Familie der Geweihträger, Cervidae, aufgebaut hat.
Rentiere sind die am weitesten nördlich lebenden Großsäuger und kommen in großen Teilen des nördlichen Nordamerikas und Eurasiens vor. Während ihrer Evolution haben sie zahlreiche Anpassungen an die Kälte und Nahrungsknappheit ihrer Lebensräume erfahren. Mit ihrem aus langem Deckhaar und dichtem, wolligen Unterhaar bestehenden Fell trotzen sie auch niedrigsten Temperaturen. Die großen Nüstern wärmen die kalte Luft auf, bevor sie in die Lunge gelangt. Ihre breiten, weit spreizbaren Klauen wirken wie Schneeschuhe und verhindern das Einsinken in den Schnee. Die scharfen Hufränder dienen wie auch das Geweih zum Freilegen schneebedeckter Nahrung wie Moosen, Flechten und Pilzen. Deshalb besitzen auch die weiblichen Tiere ein allerdings deutlich kleineres Geweih – als innerhalb der Hirsche nur bei der Gattung Rangifer einzigartig ausgebildete Spezialanpassung –, das sie auch zur Verteidigung von guten Futterflächen gegen Geschlechtsgenossinnen verwenden.
Wie viele andere Huftiere bilden Rentiere riesige Herden während ihrer Wanderungen; mit bis zu 5000 km sind es die längsten Migrationen unter Landsäugern. Danach spalten sie sich in kleine meist nach Geschlechtern getrennte Verbände mit zehn bis über hundert Tieren auf.
In Europa leben die Samen seit mindestens 500 Jahren vom und mit dem Ren. Sie nutzen es als Reit-, Zug- und Lasttier, verwenden Haut und Fell für Kleidung, Schuhe und Zelte, das Geweih für alle möglichen Gebrauchs- und Zeremonialgegenstände und ernähren sich von ihrem Fleisch und ihrer Milch. Ein klassisches Haustier wurde das Ren trotz der jahrtausendelangen Nutzung durch und die Nähe zum Menschen nie. In diesem speziellen Fall musste sich der Mensch dem Tier anpassen und ihm auf seinen Wanderungen folgen. Seit den 1960er Jahren hat eine starke Technologisierung der Rentierwirtschaft eingesetzt; die Herden mit Schneemobilen und Motocross-Motorrädern, neuerdings sogar mit gecharterten Hubschraubern kontrolliert. Gebirgige Gegenden müssen aber auch heute noch zu Fuß begangen werden, um durch den Motorenlärm keine Massenabstürze der Tiere zu riskieren.
Bei unserem Objekt des Monats handelt es sich um den Schädel eines männlichen Rens, den Dr. Theodor Haltenorth (1910-1981) im September 1959 von einer Jagdfahrt aus Norwegen mitbrachte. Haltenorth war Konservator der Säugersammlung von 1947 bis 1975. Das Geweih des Hirsches weist einige Asymmetrien auf, was bei Rentieren nicht unüblich ist, aber auch darauf hindeuten könnte, dass es sich um ein älteres Tier handeln könnte oder es während des Zeitraums der Geweihbildung einen Nährstoffmangel litt.
4 Fakten über Rentiere
- Trughirsche: Neben den beiden namensgebenden Reharten der Gattung Capreolus, dem Elch und dem Chinesischen Wasserreh mit seinen verlängerten Eckzähnen gehört auch das Ren zu dieser Unterfamilie Capreolinae, die 22 von 54 Arten der Cervidae enthält.
- Geweihe sind normalerweise nur bei männlichen Hirschen zu finden. Sie entstehen innerhalb weniger Monate aus Knochensubstanz und zeigen die aktuelle Fitness des Tieres an, denn sie werden jedes Jahr neu gebildet und können sich innerartlich und selbst bei einem Individuum im Lauf seines Lebens ganz deutlich in Bezug auf Größe und Symmetrie unterscheiden. Der Status männlicher und weiblicher Tiere richtet sich stark nach der Geweihgröße: 50 bis 130 cm und stärker verzweigt bei den Männchen und nur 20 bis 50 Zentimetern bei den Weibchen. Während Männchen ihre Stangen nach der Brunft im Herbst abwerfen, behalten die Weibchen ihr Geweih meist bis ins Frühjahr.
- Herdentier: In den 1980er Jahren bestand die größte bekannte Ren-Herde aus 900.000 Tieren; dieser als George-River-Herde bekannte Verband im Osten Kanadas ist bis zum Jahr 2011 auf 70.000 Tiere zusammengebrochen.
- Symbole der Weihnacht: Sowohl Santa Claus als auch seine acht Rentiere gehen auf das 1823 verfasste Gedicht »’twas the Night before Christmas« zurück. Die Nummer neun, Rudolph mit der roten Nase, dagegen tauchte erstmals 1939 in einem Weihnachtsmalbuch für Kinder im Rahmen einer Werbeaktion einer großen amerikanischen Kaufhauskette auf. Zehn Jahre später widmete der Sänger Johnny Marks Rudolph, the red-nosed Reindeer sogar einen eigenen Song, der millionenfach verkauft wurde und in der Vorweihnachtszeit auch bei uns regelmäßig gesendet wird.
Abbildungen
Abb. 1: In der Mitte rechts ist der Schädel unseres Dezember-Objektes, eines männlichen Rens, an seinem Aufbewahrungsort im Geweih- und Gehörn-Magazin der ZSM zu erkennen. Foto: M. Unsöld, ZSM
Abb. 2: Die Daten wurden mit Tinte direkt auf den Schädel geschrieben. Foto: M. Unsöld, ZSM
Literatur
Burgin, C.J., Wilson, D.E., Mittermeier, R.A., Rylands, A.B., Lacher, T.E. & Sechrest, W. (2020) Illustrated Checklist of the Mammals of the World. Volume 2: Elipotyphla to Carnivora. Lynx Edicions, Barcelona.
Chaline, E. (2014) 50 Tiere die unsere Welt veränderten. Haupt Verlag, Bern
Markus Unsöld


Foto: M. Unsöld, ZSM
Foto: M. Unsöld, ZSM