Objekt des Monats März 2026

Zwergkiwi Apteryx owenii Gould, 1847

»Kiwis« nennen sich die Neuseeländer nach den auch als Schnepfenstrauße bezeichneten endemischen Laufvögeln, die für sie einen hohen Stellenwert besitzen und die zu Identifikationssymbolen für das Land wurden. Bei uns ist die Frucht bekannter als der Vogel, denn sie ist wegen ihres säuerlichen Geschmacks und des hohen Vitamin C-Gehalts sehr beliebt. Auch sie bekam ihren Namen in Bezug auf die Vögel.

Der Zwergkiwi ist die kleinste der fünf Apteryx-Arten; Männchen wiegen 880 – 1.384 g, die größeren und schwereren Weibchen 1.000 – 1.950 g (evtl. kurz vor Eiablage!). Der birnenförmige Körper sitzt auf kräftigen Beinen mit ebensolchen Füßen und krallenbewehrten Zehen, die sich nicht nur zum Laufen, Scharren und Graben eignen, sondern auch bei Revierstreitigkeiten und der Verteidigung gegen Prädatoren eingesetzt werden. Der beim Männchen 63 – 72 mm und beim Weibchen 75 – 94 cm mm lange Schnabel macht etwa 20 % der Körperlänge aus, ist an der Basis mit Tastborsten umgeben und dient zur Nahrungssuche nach Regenwürmern, Spinnen, Insektenlarven, Tausendfüßern und anderen Wirbellosen im und am Boden, aber auch Früchten und Farnsporangien. Die nur wenige Zentimeter langen Flügel, an deren Ende sich eine Kralle befindet, sind im dichten Gefieder verborgen und haben vermutlich keine Funktion mehr. Der zweite Name »Kleiner Fleckenkiwi« deutet auf die helleren Flecken im Gefieder hin, das den Kiwi vor Auskühlung und Feuchtigkeit schützt.

Zwergkiwis leben monogam in einem von ihnen vor allem zur Fortpflanzungszeit verteidigten Revier. Nachts durchstreifen sie es nach Nahrung, tagsüber schlafen sie in einer von mehreren selbst gegrabenen oder bereits vorhandenen Höhlen. Zur Brut wird meist eine alte, von Vegetation überwucherte Erdhöhle genutzt. Von allen Vögeln legen Zwergkiwis das im Verhältnis zum Weibchen größte Ei, das etwa ein Viertel dessen Gewichts ausmacht! Ein Gelege besteht aus ein bis zwei Eiern; das zweite Ei wird erst zwei bis drei Wochen nach dem ersten gelegt. Das Männchen brütet alleine, die Brutdauer variiert von 63 bis 76 Tagen. Zwergkiwis schlüpfen als Miniaturausgaben ihrer Eltern und sind bereits im Alter von zwei bis drei Wochen selbständig.

In vielerlei Hinsicht haben sich Kiwis ähnlich wie Säugetiere entwickelt. Äußerlich fällt das fellähnliche Gefieder auf. Als besondere Anpassung befinden sich die Nasenlöcher nicht an der Schnabelbasis, sondern an der Schnabelspitze. Während die meisten Vögel eine Körpertemperatur von 42 °C besitzen, liegt sie bei den Kiwis bei 38 °C im Bereich der Säugetiere. Auch die Sinneswelt der Kiwis weicht deutlich von der anderer Vögel ab: Ihr Sehsinn ist schlecht, das Gehör und vor allem der Geruchssinn dafür extrem gut ausgeprägt, was für ein überwiegend nachtaktives Tier, das den Großteil seiner Nahrung im Boden sucht, nicht sehr überraschen würde – es sei denn, es handelt sich um einen Vogel. Kiwis haben auf Neuseeland die ökologische Nische der Insektenfresser (z.B. Spitzmäuse, Maulwürfe, Schlitzrüssler) eingenommen und sich bestmöglich daran angepasst.

Wie zuvor schon mehrere andere Objekte des Monats (Krauskopfarassari, Kahlkopfibis, Rotlori) stammt zumindest der linke, stehende Kiwi aus der Sammlung Herzog von Leuchtenberg. Diese 1856 an die Alte Akademie gekommene Vogelsammlung enthielt fast 4.000 Bälge und Standpräparate aus aller Welt, darunter Raritäten wie Riesenalk, Labradorente und eben den Zwergkiwi. Das Schaupräparat mit zwei Tieren wurde von Präparator Gustav Küsthardt Anfang des 20. Jahrhunderts für den Ausstellungsbereich der Alten Akademie neu arrangiert. Woher das Kiwi-Skelett stammt, ist leider nicht bekannt, da das Etikett nicht mehr vorhanden ist.

5 Fakten über Kiwis

  • Die Ordnung Apterygiformes mit der einzigen Familie Apterygidae besteht neben dem Zwergkiwi nur noch aus vier weiteren rezenten Arten der Gattung Apteryx: Großer Flecken- oder Haastkiwi A. haastii, Nordstreifenkiwi A. mantelli, Südstreifenkiwi A. australis und Okaritokiwi A. rowi.
  • Entfernte Verwandtschaft: Als gesichert gilt, dass die bis vor einigen hundert Jahren ebenfalls auf Neuseeland heimischen, von den Maoris ausgerotteten Moas (Dinornithiformes) nicht näher mit den Kiwis verwandt sind. Über deren Schwestergruppe gibt es aber verschiedene Meinungen: Kasuare und Emus (Casuariformes), die früher auf Madagaskar vorkommenden, durch die indigene Bevölkerung ausgelöschten madegassischen Elefantenvögel (Aepyornithiformes) oder die Steißhühner (Tinamiformes) werden als die nächsten Verwandten angesehen.
  • Invasive Gefahr: Bis zur Ankunft des Menschen und seiner tierlichen Begleiter waren Vögel die dominierende Tierklasse Neuseelands; sie hatten die anderswo durch Säuger besetzten ökologischen Nischen ausgefüllt. Durch das Fehlen von Bodenraubtieren verloren viele Vogelarten ihre Flugfähigkeit und Vorsicht. Das sollte ihnen mit der Besiedlung durch die Polynesier Ende des 13. Jahrhunderts zum Verhängnis werden: Diese brachten nicht nur Hunde und Pazifische Ratten mit, sondern jagten neben anderen Arten auch alle Moa-Arten bis zu deren Ausrottung und brandrodeten die Hälfte der Nordinsel. Auch der Zwergkiwi verschwand durch Jagd und Lebensraumzerstörung von dort. Mit der Besiedlung durch die Europäer kamen weitere Nager- und Raubtierarten auf die Inseln, die der heimischen Vogelwelt stark zusetzten. In den 1990er Jahren tötete ein entlaufener Schäferhund innerhalb weniger Tage 500 Kiwis. Auf beiden Hauptinseln werden etwa 94 Prozent der jungen Kiwis von Katzen oder Wieseln getötet, bevor sie ein Alter von 100 Tagen erreichen.
  • Schutzbemühungen: Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts siedeln neuseeländische Artenschützer bedrohte Vogelarten auf zuvor raub- und nagetierfrei gemachte Inseln um. Obwohl Kiwis seit 1908 gesetzlich geschützt sind und dieser Schutzstatus 1921 noch verschärft wurde, hat ihr Bestand seither weiter abgenommen. Der Zwergkiwi galt lange Zeit sogar als ausgestorben. Heute gibt es dank intensiver Maßnahmen zum Schutz dieser Art wieder etwa 1.500 adulte Individuen, weshalb er in der IUCN Redlist derzeit als »near threatened« (potenziell gefährdet) gelistet wird. »PredatorFree2050« lautet das große Ziel des neuseeländischen Artenschutzes, die Inseln bis Mitte dieses Jahrhunderts raub- und nagetierfrei zu bekommen.
  • Vegetarische Alternative: 1905 brachte die neuseeländische Pädagogin Mary Isabel Fraser die Samen einer als Chinesische Stachelbeere Actinidia deliciosa bezeichneten Pflanze von ihrem Studienaufenthalt aus China mit. Deren Früchte begeisterten die Neuseeländer so sehr, dass sie im großen Stil angebaut und 1957 erstmals exportiert wurden. Vermarktungsstrategisch wurden die auf Neuseeland angebauten und exportierten Früchte als »Kiwis« bezeichnet. Dieser Name setzte sich schließlich weltweit durch.

Abbildungen

Abb. 1: Die Zwergkiwi-Präparate aus der Sammlung Herzog von Leuchtenberg. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 2: Am Skelett sind die winzigen Flügel erkennbar. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 3: Wärmebildaufnahme eines freilebenden Zwergkiwis auf Neuseeland. Foto: Dominik Mayer

Literatur

Del Hoyo, J., Elliott, A. & Sargatal, J. eds. (1992) Handbook of the Birds of the World. Vol. I. Ostrich to Ducks. Lynx Edicions, Barcelona

Fuller, E. ed. & Harris-Ching, R. (1991) Kiwis. A Monography of the Family Apterygidae. Swan Hill Press, Shrewsbury.

Winkler, D.W., Billerman S.M., Lovette, I.J. (2015) Bird Families of the World. Lynx Edicions, Barcelona

Markus Unsöld