Objekt des Monats Juni 2026
Das Quagga Equus quagga quagga Boddaert, 1785
Das ausgestorbene Quagga war die südlichste Unterart des Steppenzebras. Im Gegensatz zu den Steppenzebras der ost- und zentralafrikanischen Savannengebieten hat das Quagga nur noch Spuren einer Streifenzeichnung an Kopf, Hals und Vorderleib, der übrige Körper ist einheitlich braun gefärbt – es ähnelt daher eher einer Mischung aus Zebra und Pferd als einem Zebra.
Noch im 18. Jahrhundert durchzog das Quagga in riesigen Herden die Steppengebiete des Kaplands und des Oranje-Gebiets in Südafrika. Mit der zunehmenden Besiedlung Südafrikas durch die Buren und Engländer vollzog sich die Ausrottung des Quaggas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahrzehnte. Die Tiere wurden von den Siedlern als Konkurrenten für das Weidevieh betrachtet und daher in großer Zahl geschossen Das letzte wildlebende Quagga wurde in den späten 1870er Jahren erlegt: Nach der Dürre von 1877, der kleinere Restpopulationen zum Opfer fielen, galt das Quagga in Freiheit als ausgestorben (Huber 1991, 1994). Kurze Zeit später, am 12. August 1883, starb auch das letzte in Gefangenschaft gehaltene Quagga im Amsterdamer Zoo. Ironie der Geschichte: Drei Jahre nach ihrem Aussterben wurde die Art von der südafrikanischen Regierung unter Schutz gestellt.
Fotografische Zeugnisse einer ausgestorbenen Tierart
Das Quagga ist eine der wenigen ausgestorbenen Tierarten, von denen Fotos lebender Exemplare vorliegen. Es gibt fünf häufig reproduzierte Fotos einer Stute, die von 1851 bis zu ihrem Tod am 7.7.1872 im Londoner Zoo lebte und dort in ihrem Gehege mehrfach fotografiert worden war (Abb. 2; alle fünf Fotos abrufbar z.B. unter https://en.wikipedia.org/wiki/Quagga). Lange Zeit hielt man diese Fotos für die einzigen Lebendaufnahmen eines Quaggas. Im Jahr 2022 kam jedoch ein weiteres Foto an die Öffentlichkeit: Damals erwarb der holländische Tiermaler Jasper Holsoff Pol bei Ebay ein vermeintliches Zebra-Foto, das sich nach dem Kauf als Stereofoto eines Quaggas herausstellte, also um zwei Fotos von ein und demselben Motiv, aus zwei leicht versetzten Blickwinkeln aufgenommen. Nach einem Aufdruck auf der Rückseite wurde es 1864 von dem deutschen Arzt Gustav Theodor Fritsch (1838-1927) während einer Südafrikareise in einer Wildtierfarm im Oranje-Freistaat aufgenommen.
Das Münchner Quagga – eines von 23 weltweit erhaltenen Präparaten
Von den einst so zahlreichen Quaggas verblieben weltweit nur 23 mehr oder weniger gut erhaltene Dermoplastiken, 7 vollständige Skelette und 14 Schädel (Rau 1974 und 1978, s.a. https://www.quaggaproject.org/quaggas-in-museums-worldwide). Den größten Anteil daran hat Deutschland mit neun Tieren. Außer in München werden auch in Bamberg, Berlin, Darmstadt, Frankfurt, Mainz (drei Exemplare) und Wiesbaden Quaggas aufbewahrt (Rau 1992).
Die Haut des Münchner Exemplars wurde zusammen mit dem Schädel 1834 von einem Naturalienhändler aus der Kapprovinz Südafrikas käuflich erworben. Vermutlich wurde es zunächst, wie im 19. Jahrhundert üblich, mit Stroh oder Holzwolle »ausgestopft« und erhielt einen Platz in den Schauräumen der Alten Akademie in der Neuhauser Straße. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es vom damaligen Präparator Gustav Küsthardt nach einer neu entwickelten Präparationsmethode umgearbeitet: Es erhielt ein Grundgerüst aus Holz und Presstorf, wodurch es wesentlich lebensähnlicher gestaltet werden konnte als dies mit der herkömmlichen Methode des Ausstopfens möglich war. In dieser Form überdauerte das Präparat dank seiner Auslagerung den 2. Weltkrieg und den verheerenden Bombenangriff in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944, bei dem das Gebäude der Alten Akademie und große Teile der ehemaligen Schausammlung völlig zerstört wurden (Kraft & Huber 1992). Da München bis zur Eröffnung des Museums Mensch und Natur im Jahr 1990 kein Naturkundemuseum besaß, wurde das Quagga ab dem Kriegsende in den Magazinräumen der Zoologischen Staatssammlung aufbewahrt, zunächst in einem Flügel des Schlosses Nymphenburg und ab 1985 im Neubau der Staatssammlung in Obermenzing. Es war damit jahrzehntelang der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Während des Aufenthaltes in den unklimatisierten Räumen des Nymphenburger Schlosses und vermutlich auch schon vorher hatten sich mehrere weit klaffende Trockenheitsrisse der Haut gebildet, das Präparat präsentierte sich daher in den 1980er/1990er Jahren in einem Zustand, der seinem musealen und wissenschaftshistorischem Wert in keiner Weise entsprach (Abb. 3). Um es im Münchner Museum Mensch und Natur, das 1990 eröffnet werden sollte, ausstellen zu können, musste eine Restaurierung und Umarbeitung durchgeführt werden.
Restaurierung und Umarbeitung 1990/1991
Für diese Aufgabe konnte mit Herrn Reinhold Rau aus Kapstadt/Südafrika ein zoologischer Präparator von internationalem Renommee gewonnen werden. Herr Rau (1932-2006) galt zu seinen Lebzeiten als ausgewiesener Quaggaspezialist und hatte das erste Inventarverzeichnis aller erhaltenen Quaggapräparate erstellt (Rau 1974, 1978).
Die Arbeiten dauerten vom Oktober 1990 bis Mitte Februar 1991 und wurde in den Räumen der Zoologischen Staatssammlung durchgeführt. Zunächst wurde das Fell durch Auflegen von feuchten Lappen aufgeweicht und komplett von Kern abgenommen. Es folgte eine dreimonatige Behandlung der ziemlich steifen Haut mit wechselnden Chemikalien einschließlich der Applikation eines dauerhaften Schutzes gegen Museumsschädlinge. Danach war die Haut so elastisch geworden, dass sie auf einen neuen Kunststoffkern aufgezogen und vernäht werden konnte. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit Zebras in freier Wildbahn veränderte Herr Rau die Haltung von Hals und Kopf des Präparats, in seiner neuen Form blickt das Quagga nun erhobenen Hauptes in die Ferne oder – je nach Standpunkt – auf den Betrachter. Dank der Kunstfertigkeit von Herrn Rau präsentiert sich das Münchner Quagga heute in einer Frische und Lebendkeit, die fast vergessen lässt, dass es sich um ein fast 200 Jahre altes Präparat handelt (Abb. 4).
Ermöglicht wurde diese aufwändige Umarbeitung durch eine Spende der Spaten/Franziskaner-Brauerei München, die die gesamten Kosten in Höhe von ca. 30.000 DM übernommen hatte. Dabei verdient auch Herr Walter Huber (1928-2010) besondere Erwähnung, ein Münchner Hobbyzoologe, regelmäßiger Besucher in der ZSM und Mitglied der »Freunde der Zoologischen Staatssammlung München«. Herr Huber hatte sich seit früher Jugend für das Quagga und seine Geschichte begeistert, und nachdem er auch den persönlich haftenden Gesellschafter der Fransiskaner/Spaten-Brauerei, Herrn Dr.-Ing. Dieter Soltmann, für das Quagga begeistern konnte, war dieser nicht nur zur Übernahme der Restaurierungskosten bereit, sondern begleitete auch deren Fortgang mit großem persönlichem Interesse. Beide Herren wurden für ihr Engagement im Jahr 1993 mit der Ritter-von-Spix-Medaille ausgezeichnet.
Nach der Restaurierung war das Quagga einige Jahre in einer Vitrine in den Schauräumen des Museums Mensch und Natur ausgestellt. Derzeit steht es wieder in einem Magazinraum der Zoologischen Staatssammlung, der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Offensichtlich passt es nicht in ein aktuelles Ausstellungskonzept des Museums. Es ist zu hoffen, dass es im zukünftigen Münchner Naturkundemuseum wieder einen Platz in der Dauerausstellung finden wird und so der Öffentlichkeit die Bedeutung und der unschätzbare Wert dieses Präparats vermittelt werden kann.
5 Fakten über das Quagga und seine Verwandten
- Sieben Wildformen der Pferdeartigen (Perissodactyla) konnten sich bis heute halten: zwei asiatische Halbeselarten, der Afrikanische Wildesel, das Przewalskipferd und drei Zebraarten.
- Dead as the Quagga ist die Stammform des Hauspferds, der Tarpan Equus ferus. Die Stammform des Hausesels, der Afrikanische Wildesel Equus africanus, ist vom Aussterben bedroht, seine nordafrikanische Unterart E. a. atlanticus ist bereits erloschen.
- Nominatform des Steppenzebras ist ausgerechnet das stark abweichende Quagga; es ist das erstbeschriebene der insgesamt sechs Zebras, die heute als Unterarten einer Art zusammengefasst werden, die deshalb die wissenschaftliche Bezeichnung Equus quagga trägt.
- Zebra-Streifen werden bereits um 1930 mit der Abwehr von Stechfliegen in Zusammenhang gebracht. 1981 veröffentlichte experimentelle Studien des britischen Entomologen Jeffrey K. Waage zeigten, dass gestreifte Modelle deutlich weniger Tsetsefliegen anziehen als einfarbige Modelle. Heute wird die Hypothese meist breiter formuliert: Zebra-Streifen scheinen verschiedene Arten von blutsaugenden Fliegen beim Landen zu stören oder abzuschrecken. Zahlreiche Studien der letzten Jahrzehnte stützen diesen Zusammenhang, auch wenn der genaue Mechanismus bisher nicht bekannt ist. Im Verbreitungsgebiet des Quaggas kommen und kamen wohl auch in der Vergangenheit keine Tsetsefliegen vor, weshalb sich beim Quagga im Lauf der Zeit die Streifung aufgelöst hat und das Schwarz zu einem tarnenden Braun wurde.
- Das Quagga Project wurde 1986 durch Reinhold Rau initiiert, nachdem er bei seiner Forschung entdeckt hatte, dass die DNA des Burchell-Zebras Equus quagga burchelli der des Quaggas zu großen Teilen entspricht. Seither wird versucht, möglichst quagga-ähnliche Steppenzebras zu züchten. Aber: Keine ausgerottete Art oder Unterart lässt sich »rückzüchten«; auch wenn die gezüchteten Tiere ihr phänotypisch gleichen, bleibt sie genetisch für immer verloren.
Abbildungen
Abb. 1: Das restaurierte Quagga im Museum Mensch und Natur. Foto: Schaumberger/Museum Mensch und Natur
Abb. 2: Eine von fünf Lebendaufnahmen einer Quaggastute, die 1851-1872 im Zoo von London gehalten wurde. Foto: Frederick York (d. 1903), Public domain, via Wikimedia Commons
Abb. 3: Zustand des Münchner Quaggas unmittelbar vor der Restaurierung 1990. Foto: G. Riedel, ZSM
Abb. 4: Zoologischer Präparator Reinhold Rau (links) bei den Restaurierungsarbeiten, daneben Herr Walter Huber. Foto: G. Riedel, 1990
Literatur
Burgin, C.J., Wilson, D.E., Mittermeier, R.A., Rylands, A.B., Lacher, T.E. & Sechrest, W. (2020) Illustrated Checklist of the Mammals of the World. Vol. 2: Elipotyphla to Carnivora. Lynx Edicions, Barcelona.
Holmes, B. & Hulsoff Pol, J. (zuletzt aufgerufen Mai 2026): Fritsch’s Quagga Photo (1864) taken in South Africa Has Been Rediscovered.
Huber, Walter. (1991). Ein bisher unveröffentlichtes Foto eines lebenden Equus quagga quagga Gmelin, 1788 (Mammalia, Perissodactyla, Equidae). Spixiana 14(2): 235-236.
Huber, W. (1992): Das Münchner Quagga – eine zoologische Rarität (Mammalia, Equidae). – Spixiana Suppl. 17: 155-160.
Huber, Walter: (1994). Dokumentation der fünf bekannten Lebendaufnahmen vom Quagga, Equus quagga quagga Gmelin, 1788 (Mammalia, Perissodactyla, Equidae). Spixiana 17(2): 193-199.
Kraft, R. und Huber, W. (1992): Die Zoologische Schausammlung in der Alten Akademie in München 1809-1944. – Spixiana Suppl. 17: 189-199.
Rau, R. (1974). Revised list of the preserved material of the extinct Cape Colony quagga. – Annals South African Museum 65 (2): 41-87
Rau, R. 1978. Additions to the revised list of preserved material of the extinct Cape Colony quagga and notes on the relationship and distribution of Southern Plains Zebras. – Annals South African Museum 77 (2): 27-45.
Rau, R. (1992): Über die Restaurierung des Münchner Quagga. – Spixiana 15 (2): 221-228.
Richard Kraft




Foto: M. Unsöld, ZSM
Foto: Laura Wolf (lwolfartist, via Wikimedia Commons)