Objekt des Monats August 2026
Die Bayerische Kurzohrmaus Microtus bavaricus (König, 1962)
Beim Thema Wühlmäuse denken die meisten Menschen wohl zuerst an Feldmäuse, die ihre Anwesenheit auf Wiesen und Feldern in Form von Baueingängen und oberirdischen Laufröhren anzeigen und die wegen des Schadens, den sie in der Landwirtschaft verursachen, oft intensiv bekämpft werden. Umso erstaunlicher ist es, dass die Wiederentdeckung einer verschollen geglaubten Wühlmausart nicht nur die Fachwelt begeisterte, sondern auch ein großes Medienecho auslöste bis hin zu einer ausführlichen Filmdokumentation im Bayerischen Fernsehen.
Die Rede ist von der Bayerischen Kurzohrmaus, Microtus bavaricus (Abb. 1), eine der wenigen Säugetierarten, die erst spät, nämlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, entdeckt wurden, und das nicht etwa in einem wenig erschlossenen tropischen Gebiet, sondern im dichtbesiedelten Mitteleuropa, genauer gesagt in Bayern.
Entdeckung und Wiederentdeckung
Im Jahr 1961 fing der Zoologe Claus König, damals Mitarbeiter an der Vogelschutzwarte in Garmisch-Partenkirchen, auf einem feuchten Wiesennordhang bei Garmisch-Partenkirchen zwölf Wühlmäuse, die er aufgrund morphologischer Merkmale als neue Art Pitymys bavaricus (auf Deutsch: Bayerische Kurzohrmaus) beschrieb (KÖNIG 1962). Heute hat Pitymys nicht mehr den Rang einer eigenen Gattung, die (ehemaligen) Pitymys-Arten wurden in die Gattung Microtus mit einbezogen, die gültige wissenschaftliche Bezeichnung für die Bayerische Kurzohrmaus ist also Microtus bavaricus (König, 1962).
Bälge und Schädel der Königschen Fangserie sind als Holo- bzw. Paratypusexemplare der neuen Art designiert und auf verschiedene wissenschaftliche Sammlungen verteilt, sie befinden sich u.a. in den Naturkundemuseen Frankfurt am Main, Berlin, Stuttgart, Wien, und auch in der Zoologischen Staatssammlung München sind Balg und Schädel eines Paratypus (Abb. 2 und 3) hinterlegt.
Da jahrzehntelang kein weiterer Fang einer Bayerischen Kurzohrmaus gelang, galt die Art in Bayern als verschollen oder ausgestorben (Rudolph & Boye 2017). Die zwölf Tiere der Typenserie waren daher lange Zeit die einzigen Belege für die Existenz dieser Art. Zwar fanden schon ab den 1990er Jahren wiederholt Nachsuchen durch verschiedene Expertenteams statt, es sollte aber bis zum Jahr 2023 dauern, bis erstmals wieder eine Bayerische Kurzohrmaus auf bayerischem Boden entdeckt wurde, allerdings nicht an der terra typica bei Garmisch-Partenkirchen, sondern etwa 18 km entfernt bei Mittenwald (Stille et al. 2023).
Der Entdecker und Beschreiber der Art, Prof. C. König, hat die Suche nach der Bayerischen Kurzohrmaus über die »verschollenen« Jahre hinweg mit großem Interesse begleitet. Dass die Wiederentdeckung der Maus noch zu seinen Lebzeiten, kurz vor seinem 90. Geburtstag, gelang, war ihm eine große Freude und Genugtuung.
Auf der Tiroler Seite der Nördlichen Kalkalpen, am Steinberg im Rofangebirge/Achenseegebiet, war allerdings schon Im Jahr 2000 eine Population von Bayerischen (!) Kurzohrmäusen entdeckt worden. Deren Bestand wird seither von einem Wiener Forscherteam überwacht, in starken Mäusejahren werden dort auch lebende Kurzohrmäuse gefangen. Im Jahr 2021 erhielt der Alpenzoo Innsbruck Tiere aus dieser Population als Grundlage für eine »ex-situ«-Arterhaltung. Nachkommen dieser Stammgruppe wurden zur Weiterzucht an andere Zoos abgegeben, und so leben heute Bayerische Kurzohrmäuse auch im Münchner Tierpark Hellabrunn, wo bereits eine Vermehrung stattgefunden hat (Abb. 1, 4 und 5).
»Schwierige« Verwandtschaft
Erschwert wurde die Suche nach Microtus bavaricus durch die Anwesenheit einer anderen Wühlmausart in potentiellen Vorkommensgebieten von M. bavaricus, nämlich der Kleinäugigen Wühlmaus (Microtus subterraneus), die manchmal auch nur als »Kurzohrmaus“«(also ohne den geografischen Namenszusatz) bezeichnet wird (Abb. 5). Beide gehören derselben Untergattung Terricola innerhalb der Gattung Microtus an und sind sich so ähnlich, dass die Artbestimmung von Lebendfängen allein nach äußeren Merkmalen, also ohne Vergleich von Schädelbau oder Zahnstrukturen, oft zweifelhaft ist. Mit 100 %iger Sicherheit lassen sich beide Arten nur durch Sequenzierung des mitochondrialen Cytochroms b eindeutig identifizieren (Stille et al. 2023).
Phylogenetisch steht die Bayerische Kurzohrmaus aber einer anderen Wühlmausart näher, nämlich der Illyrischen Kurzohrmaus (Microtus liechtensteini). Deren Verbreitungsgebiet erstreckt sich südlich des Alpenhauptkamms vom Etschtal in N-Italien nach Osten und Südosten über Österreich und Slowenien bis ins Dinarische Gebirge (KRYŠTUFEK & SHENBROT 2022). Die mitochondrialen DNA-Sequenzen beider Arten weisen den geringsten Unterschied auf, der jemals zwischen zwei Wühlmausarten festgestellt wurde (MARTINKOVÁ et al. 2007), daher klassifizieren einige Autoren die Bayerische Kurzohrmaus als Unterart der Illyrischen Kurzohrmaus und benennen sie als Microtus liechtensteini bavaricus (z.B. TVRTKOVIĆ et al. 2010).
Unabhängig von der nomenklatorischen Bewertung belegen die genetischen Befunde, dass Bayerische und Illyrische Kurzohrmaus von einer gemeinsamen Linie abstammen. Die Artbildung erfolgte durch Isolation in eisfreien Glazialrefugien: Microtus bavaricus könnte das Würmglazial in unvergletscherten, vegetationsbedeckten Gebieten am Nordrand der Alpen überdauert haben (vgl. Merxmüller & Poelt 1954). Bei M. liechtensteini wird eine Artbildung im östlichen und südöstlichen Teil der Alpen und im Dinarischen Gebirge als wahrscheinlich angenommen (Haring et al. 2000). Die rezenten Vorkommen der beiden Arten könnten also Reliktareale darstellen, was ihre räumliche Trennung erklären würde.
5 Fakten über die Bayerische Kurzohrmaus
- Wie ein Ei dem andern: Äußerlich ähnelt sie sehr der Kleinäugigen Wühlmaus, Microtus subterraneus: Walzenförmiger Körper, sehr kleine Augen, kurze Ohren und kurzer Schwanz. Die Rückenfärbung ist ein dunkles Wildbraun (»Agouti«) mit rötlich-beiger Tönung in der hinteren Flankenregion, die Unterseite mit hell-beiger (»buffy«) Tönung im Gegensatz zur eintönig grauen Unterseite von M. subterraneus (Abb. 6).
- Der Schädel macht den Unterschied und ist bei M. bavaricus (Abb. 3) kräftiger und massiver als der von M. subterraneus; das Schädeldach ist gewölbt im Gegensatz zum flachen Schädelprofil von M. subterraneus (Abb. 7). Die oberen Schneidezähne sind kräftiger als die von M. subterraneus und leicht nach vorne gerichtet (proodont); sie werden als Grabwerkzeuge benutzt, indem sie die Erde lockern, bevor diese mit dem Kopf oder den Vorderpfoten beiseite geräumt wird.
- Isolierte Verbreitung: Die Bayerische Kurzohrmaus ist nur von vier Fundorten bekannt: Garmisch-Partenkirchen (dort vermutlich ausgestorben), Mittenwald (Landkreis Garmisch-Partenkirchen), Steinberg im Rofangebirge in N-Tirol sowie Slawonien/NO-Kroatien, wo ein Einzeltier nach der mitochondrialen DNA als M. bavaricus bestimmt wurde (Tvrtković et al. 2010).
- Unterirdisch schlecht bekannt ist ihre Lebensweise. Als Wühlmaus legt sie unterirdische Baue an und wirft kleine Wühlhaufen auf. Über die Nahrungszusammensetzung im Freiland ist nichts bekannt, Tiere im Münchner Tierpark Hellabrunn werden mit Sämereien, z.B. Wellensittichfutter, Gräsern, Wildkräutern, Wurzelgemüse und Nüssen gefüttert, dazwischen erhalten sie auch Mehlwürmer.
- Die Letzten ihrer Art? Trotz erfolgreicher Nachzuchten in Gefangenschaft scheint die Erhaltung der Art im Freiland keineswegs gesichert. Die IUCN stuft sie als Critically Endangered (CR, vom Aussterben bedroht) ein (TEMPLE et al. 2007). Neben Habitatverlusten stellt vor allem die Aufteilung des Artareals in geografisch und genetisch isolierte Populationen einen bedeutsamen Risikofaktor dar. STILLE et al (2024) halten es für möglich, dass die bekannten Vorkommen der Bayerischen Kurzohrmaus nur die Restpopulationen der Art auf ihrem Weg zum Aussterben sind.
Abbildungen
Abb. 1: Microtus bavaricus aus der Hellabrunner Erhaltungszucht. In Frontalansicht ist die Unterkante der oberen Schneidezähne durch den leicht klaffenden Lippenrinnenspalt hindurch sichtbar. Foto: Richard Kraft
Abb. 2: Der Balg eines Paratypus von Pitymys (=Microtus) bavaricus König, 1962 in der Säugetiersammlung der Zoologischen Staatssammlung München. Foto: Richard Kraft
Abb. 3: Schädel und linker Unterkieferast (Kronenfortsatz abgebrochen) des Paratypus Nr. 1421 von Pitymys (= Microtus) bavaricus KÖNIG, 1962 in der ZSM. Foto: Richard Kraft
Abb. 4: Bayerische Kurzohrmaus, aufgenommen im Münchner Tierpark Hellabrunn, Männchen aus der Nachzucht. Foto: Richard Kraft
Abb. 5: Bayerische Kurzohrmaus (oben; Tier aus der Hellabrunner Nachzucht) und Kleinäugige Wühlmaus, Microtus subterraneus (unten, Wildfang aus dem Oberpfälzer Wald/Ostbayern). Fotos: Richard Kraft
Abb. 6: Unterseite von Kleinäugiger Wühlmaus, Microtus subterraneus (links) und Bayerischer Kurzohrmaus, Microtus bavaricus (rechts).
Abb. 7: Schädel von Microtus bavaricus (oben, Paratypus Nr. 1421) und Microtus subterraneus (unten; Exemplar vom Hochfelln, Bayerische Alpen) im Profil.
Ich danke dem Münchner Tierpark Hellabrunn und insbesondere der Tierpark-Kuratorin Frau Lena Bockreiß, sowie der Pflegerin der Bayerischen Kurzohrmäuse, Frau Isabell Seidenspinner, für die Möglichkeit, Tiere aus der Nachzuchtgruppe »hinter den Kulissen« ausgiebig beobachten und fotografieren zu können.
Literatur
König, C. (1962): Eine neue Wühlmaus aus der Umgebung von Garmisch-Partenkirchen (Oberbayern): Pitymys bavaricus (Mammalia, Rodentia). – Senckenb. Biol. 43: 1-10.
Kryštufek, B. & G. I. Shenbrot (2022): Voles and Lemmings (Arvicolinae) of the Palaearctic Region 1st ed. Maribor: Univerza v Mariboru, Univerzitetna založba, 2022. DOI https://doi.org/10.18690/um.fnm.2.2022
Martínková, N., Zima, J., Jaarola M., Macholán M. & F. Spitzenberger (2007): The origin and phylogenetic relationships of Microtus bavaricus based on karyotype and mitochondrial DNA sequences. Folia Zool. Praha 56: 39.
Merxmüller, H. & J. Poelt (1954): Beiträge zur Florengeschichte der Alpen. —Ber. Bayer. Bot. Ges. 30.
Stille, D., Rudolph, B.-U. & S. P. Ripperger (2024): Rediscovery of the Bavarian pine vole (Microtus bavaricus) in Germany. Mammalia 2024; 88(6): 570–574. https://doi.org/10.1515/mammalia-2024-0075
Tvrtković, N., Pavlinić I. & M. Podnar (2010). Microtus bavaricus discovered in Croatia: Southern refugium or geographical variation? Mamm. Bio. 75:561–566
Weitere Fotos und Informationen zur Bayerischen Kurzohrmaus und anderen Kleinsäugern finden sich auf dem Instagramkanal des Autors: @kleinsaeugerinbayern
Richard Kraft







Foto: Laura Wolf (lwolfartist, via Wikimedia Commons)