Objekt des Monats Oktober 2021

Türkisblaue Riesenstabschrecke (Achrioptera manga Glaw et al. 2019) und Bunte Riesenstabschrecke (Achrioptera maroloko Glaw et al. 2019): tierische Juwelen aus Madagaskar

Diese prächtigen Riesenstabschrecken wurden erstmals in den Jahren 2003 und 2004 bei herpetologischen Untersuchungen der Zoologischen Staatssammlung im Karstmassiv Montagne des Francais im Norden Madagaskars entdeckt, allerdings zunächst als Achrioptera fallax und A. spinosissima bestimmt. Erst viele Jahre später zeigten neue Funde, dass es von beiden Arten farblich und morphologisch unterschiedliche Formen gibt und schließlich führten genetische Untersuchungen zur Gewissheit, dass es sich hier tatsächlich um zwei neue Arten handelt, die im Jahr 2019 beschrieben wurden.

Die ostafrikanische Insel Madagaskar ist für ihre einzigartige Tierwelt berühmt und immer wieder werden dort spektakuläre Entdeckungen gemacht. Neben einer Fülle von Lemuren, Chamäleons und Fröschen leben dort auch unzählige Insektenarten, über die bisher nur sehr wenig bekannt ist. Das gilt sogar für die größten Insekten Madagaskars, die Stabschrecken der Gattung Achrioptera. Trotz ihrer beeindruckenden Größe — die Weibchen können zum Teil eine Körperlänge von 20-25 Zentimeter erreichen — sind einige dieser Arten bisher nur von wenigen getrockneten Präparaten bekannt, die oft vor vielen Jahrzehnten gesammelt wurden und nur noch Ansätze ihrer Lebendfärbung erahnen lassen. Dabei sind die lebenden Männchen einiger Achrioptera-Arten mit ihren knallbunten Männchen echte Juwelen unter den Stabschrecken. Eigentlich ist es die wichtigste Überlebensregel für Stabschrecken, sich für Fressfeinde unsichtbar zu machen, aber die farbenprächtigen Achrioptera-Männchen haben sich einfach darüber hinweggesetzt – und trotzdem überlebt. Wofür diese Extravaganz nützlich ist und warum die auffälligen Männchen nicht schnell von Vögeln und anderen Tieren gefressen werden, bleibt vorerst ein Rätsel. Möglicherweise nehmen sie mit ihrer Blätternahrung Pflanzengifte auf, die sie in ihrem Körper einlagern und signalisieren mit ihrer Farbenpracht, dass sie nicht genießbar sind. Für die farblich eher unscheinbaren Weibchen könnte die Tarnung trotzdem vorteilhafter sein als die Abschreckung von Fressfeinden. Wenn im Tierreich besonders bunte Männchen auftreten, dann liegt das oft daran, dass die Weibchen solche Männchen für die Paarung bevorzugen, aber ob diese Erklärung bei den hauptsächlich nachtaktiven Tieren zutrifft, ist noch nicht bekannt. Auffällig ist jedenfalls, dass die Männchen ihre Farbenpracht erst entwickeln, nachdem sie erwachsen geworden sind. Bis zu ihrer letzten Larvenhäutung sehen sie aus wie ein brauner Zweig und sind tagsüber fast unsichtbar. Erst danach erfolgt innerhalb weniger Tage die erstaunliche Umfärbung zum farbenprächtigen Insekt.

Wer mehr wissen möchte, kann hier auf die Originalbeschreibung zugreifen:

Glaw, F., O. Hawlitschek, A. Dunz, J. Goldberg & S. Bradler (2019): When giant stick insects play with colors: Molecular phylogeny of the Achriopterini and description of two new splendid species (Phasmatodea: Achrioptera) from Madagascar. – Frontiers in Ecology and Evolution 7: Article 105
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fevo.2019.00105/full

Abbildungen:

Abb. 1 (Artikelbild): Männchen der Türkisblauen Riesenstabschrecke. Diese farbenprächtige Insektenart ist weltweit zu einem beliebten Haustier geworden. Foto: Frank Glaw.

Abb. 2: Das bisher einzige bekannte männliche Exemplar der Bunten Riesenstabschrecke. Diese Art lebt vermutlich hoch in den Bäumen, so dass bisher nur sehr wenige Individuen gefunden wurden. Die Eier brauchen ein ganzes Jahr bis zum Schlupf, bisher ist es aber noch nicht gelungen, die Art dauerhaft zu züchten. Wenn keine Männchen zur Verfügung stehen, pflanzen sich die Weibchen parthenogenetisch, also ohne Männchen fort. Foto: Frank Glaw.

Abb. 3: Weibchen (links) und Männchen (rechts) der Türkisblauen Riesenstabschrecke (Achrioptera manga). Die ersten Exemplare dieser Art wurden bei der Suche nach Reptilien im Trockenwald nachts im Schein der Taschenlampe entdeckt. Zeichnung: Barbara Ruppel.

Abb. 4: Weibchen (links) und Männchen (rechts) der Bunten Riesenstabschrecke (Achrioptera maroloko). Mit einer Körperlänge von bis zu 24 cm gehören die Weibchen dieser imposanten Art zu den größten Insekten Madagaskars. Zeichnung: Barbara Ruppel.