Objekt des Monats Januar 2022

Schuppentiere

Die rezenten Schuppentiere bilden die Ordnung Pholidota mit der einzigen noch lebenden Familie Manidae. Es handelt sich um eine nur noch sehr kleine Säugetiergruppe mit vier asiatischen (Gattung Manis) und vier afrikanischen (je zwei Smutsia und Phataginus) Arten.

Schuppentiere haben zahnlose Kiefer und galten deshalb ursprünglich als nahe Verwandte der neotropischen Ameisenbären, mit denen sie auch die lange Zunge, den röhrenförmigen Kiefer und die Grabkrallen teilen. Tatsächlich beruhen diese Merkmale auf einer konvergenten Entwicklung: beide Gruppen ernähren sich von Ameisen und Termiten, deren Baue sie mit ihren harten Krallen freilegen und die sie mit ihrer langen klebrigen Zunge in den Schlund befördern.

Durch ihre überwiegend nächtliche Lebensweise und den starken Populationsrückgang ist nur sehr wenig über ihr Verhalten bekannt. Soweit man weiß, handelt es sich um Einzelgänger, die nur zur Paarungszeit und während der Jungenaufzucht Kontakt zu Artgenossen haben. Wie bei den Ameisenbären klammert sich das einzige Jungtier am Rücken bzw. Schwanz der Mutter fest. Es gibt boden- und baumlebende Arten; letztere haben einen Greifschwanz, den sie beim Klettern einsetzen.

Ihr Schuppenpanzer hat sie über Millionen von Jahren fast unangreifbar gemacht – aber leider sind es genau diese Schuppen, die sie jetzt an den Rand der Ausrottung gebracht haben. Denn sie werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Allroundheilmittel verwendet. Schuppentiere gelten seit Jahren als die im größten Umfang geschmuggelten Tiere; schon drei Arten werden in der IUCN Red List als vom Aussterben bedroht gelistet, drei als bedroht und zwei als gefährdet. Zusätzlich werden sie als »Bushmeat« gehandelt; dabei handelt es sich weniger um traditionellen Fleischkonsum, sondern vielmehr um ein Statussymbol der Reichen und Einflussreichen.

Eine weitere Eigenschaft hat sie in jüngster Zeit bekannt gemacht: Schuppentiere sind Wirte von Corona-Viren und könnten an der Entstehung der COVID-19-Pandemie beteiligt gewesen sein. Das bedeutet aber nicht, dass man sie als potentielle Krankheitsüberträger verfolgen, sondern – im Gegenteil – ihnen überhaupt nicht nachstellen sollte, denn von einem Tier, dem man nicht begegnet, kann auch keine Krankheit übertragen werden. Wie viele andere Wildtiere haben Schuppentiere und Menschen Jahrtausende relativ friedlich nebeneinander koexistiert; erst mit dem zunehmenden Vordringen des Menschen in deren Lebensraum, die Intensivierung der Jagd und den Handel auf Wildtiermärkten sinken die Populationszahlen vieler Arten – gleichzeitig steigt aber durch den engen physischen Kontakt die Gefahr, dass sich ein ursprünglich tierischer Krankheitserreger genetisch derart verändert, dass er auf den Menschen überspringen kann – ein Phänomen, dass »Spillover-Ereignis« genannt wird und der Ursprung fast aller verheerenden Seuchen der Menschheitsgeschichte war. Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass viele Wildtierarten und Viren sich in einer langen gemeinsamen Entwicklungsgeschichte soweit aneinander anpassen konnten, dass die Wirte weitgehend symptomfrei sind. Treffen solche Viren aber auf eine für sie neue Wirtsart wie den Menschen, dann kann sich so ein Spillover verheerend auswirken. Deshalb sollten wir daran interessiert sein, möglichst viele Lebensräume zu erhalten und die Biodiversität zu schützen!

6 Fakten über Schuppentiere

  • Lebendes Fossil: Schuppentiere haben ihr Aussehen seit Jahrmillionen nicht verändert. Die ältesten Vertreter der Pholidota aus dem Mittleren Eozän vor etwa 47 Millionen Jahren stammen aus der Grube Messel.
  • Gefährliche Verwandtschaft: Nach morphologischen Studien aus den 1980ern sind Schuppentiere Pholidota die Schwestergruppe der Raubtiere Carnivora.
  • Messerscharf: Anders als Ameisenbären verwenden Schuppentiere ihre Krallen nicht zu Verteidigung, sondern geben ein stinkendes Sekret ab, schlagen mit ihrem Schwanz um sich oder rollen sich zu einer Kugel ein. Die Hornschuppen sind beweglich und überlappen einander dachziegelartig. Beim Zusammenrollen stehen die scharfen Enden vom Körper ab und bieten einen guten Schutz vor Raubtieren, und Bewegungen des Schwanzes können dem Angreifer Schnittwunden zufügen.
  • Tierischer Schutz: King George III erhielt 1820 einen Helm und einen Mantel aus den Schuppen des Vorderindisches Schuppentiers Manis crassicaudata als Geschenk.
  • Meist gewildertes Säugetier: Von 2004 bis 2014 waren nach Angaben der IUCN etwa eine Million gewilderte Schuppentiere im Handel. Im Juli 2017 wurden in China Schuppen mit einem Gesamtgewicht von 12 Tonnen beschlagnahmt, im Januar 2018 in Taiwan 13 Tonnen tiefgefrorener ausgenommener Schuppentiere (rund 4000 Individuen).
  • Corona-Wirt?: Die Übereinstimmungen im Genom des aus dem Malaiischen Schuppentier isolierten Pangolin-CoV mit dem beim Menschen wirkenden SARS-CoV-2 und dem bei Fledertieren als weiteren möglichen Zwischenwirt festgestellten Bat-CoV liegen bei jeweils rund 91 %.

Bildlegende

Abb. 1 (Artikelbild): Dieses Chinesische oder Ohren-Schuppentier Manis pentadactyla ist eine Schenkung von Dr. Wagler, der auch nach dem Tod von Spix in der Sammlung arbeitete und u.a. 1832 den Spix-Ara Cyanopsitta spixii und den Krauskopfarassari Pteroglossus beauharnesii beschrieb. Im selben Jahr erlag Wagler einer Schussverletzung, die er sich aus Versehen selbst zugefügt hatte. Foto: M. Unsöld (SNSB-ZSM).

Abb. 2: Die Wissenschaftliche Zeichnerin Barbara Ruppel zeigt hier anhand von Waglers Exemplar, dass die auch »Tannenzapfentiere« genannten Schuppentiere eigentlich »Fichtenzapfentiere« heißen müssten, die Schlafhaltung und die lange Zunge.

Abb. 3: Die Hornschuppen der Schuppentiere sind für ihre Träger heute eher Fluch als Segen. Foto: M. Unsöld (SNSB-ZSM).

Abb. 4: Dieses Jungtier des Vorderindischen Schuppentiers Manis crassicaudata ist bereits seit über 170 Jahren in der Sammlung. Bild: Barbara Ruppel.