Objekt des Monats April 2022

Sibirisches Moschustier Moschus moschiferus

Unser Objekt des Monats gehört zu den ältesten Präparaten der Säugersammlung und ist mit 1840 datiert. Als Fundort wird schlicht »Asien« aufgeführt, das Tier ist als damals einzig beschriebene Moschustier-Art Moschus moschiferus bestimmt. Tatsächlich scheint dies auch immer noch zuzutreffen, denn die Halszeichnung mit zwei Streifen ist ein charakteristisches Merkmal dieser Art.

Ursprünglich wurden die Moschustiere (Moschidae) der Gattung Moschus als ursprüngliche Gruppe der Familie der Hirsche (Cervidae) angesehen. Heute wissen wir, dass sie eine eigenständige Familie innerhalb der Paarhufer sind, deren nächste Verwandte entweder die Hirsche oder die Hornträger (Bovidae) sind.

Derzeit werden sieben Moschustierarten anerkannt. Es sind kleine, Reh-ähnliche Paarhufer, deren Männchen sofort durch eine anatomische Besonderheit auffallen: Sie besitzen im Oberkiefer stark verlängerte Eckzähne! Diese treten auch bei einigen anderen Paarhufern auf, wie den Hirschferkeln (Tragulidae) und den zu den Hirschen zählenden Muntjaks (Muntiacus, Unterfamilie Cervinae) und Wasserrehen (Hydropotes, Unterfamilie Capreolinae).

Die verlängerten Eckzähne werden zum Imponieren eingesetzt: treffen zwei Männchen während der Paarungszeit aufeinander, stellen sie sich seitlich, Schulter an Schulter, gegenüber und ziehen die obere Lippe hoch, um ihre eindrucksvollen Waffen bestmöglich zu präsentieren. Gibt keiner nach und räumt das Feld, kann es zu blutigen Beschädigungskämpfen kommen.

Lebensraum der meisten Moschustiere sind hochgelegene Bergwälder in Höhenlagen von 2.500 bis 4.800 Metern. Durch ihre außerhalb der Fortpflanzungszeit solitäre, dämmerungs- und nachtaktive Lebensweise ist wenig über ihr Verhalten bekannt. Sie ernähren sich von Gräsern, Kräutern und Moosen, notfalls auch von Flechten und Zweigen.

Bis auf das als »gefährdet« eingestufte Sibirische Moschustier Moschus moschiferus gelten alle anderen Arten heute sogar als »stark gefährdet«. Das hängt zum einen mit dem Verlust an Lebensraum zusammen; ein viel größeres Problem stellt aber die Wilderei dar. Moschustieren wird nicht nur wegen ihres Fleisches nachgestellt, sondern auch die namengebende Moschusdrüse ist immer noch ein hochbegehrtes Objekt.

4 Fakten über Moschustiere

  • Lebendes Fossil: Moschustiere sind bereits aus dem Miozän vor etwa 15 Millionen Jahren bekannt und kamen ursprünglich auch in Europa vor.
  • Moschus: Die Moschusdrüse liegt beim Männchen zwischen dem Nabel und den Geschlechtsorganen. Sie dient zur Reviermarkierung und scheidet ein bräunliches Sekret aus, den Moschus. Er wurde früher bei der Herstellung von Parfüm und Düften verwendet. Heute wird Moschus auch synthetisch hergestellt.
  • Moschustod: In der Chinesischen Medizin wird ausschließlich das Original verwendet. Nachhaltig wäre dafür der Fang männlicher Moschustiere und die Entnahme des Sekrets; da dies aber sehr aufwändig ist, werden die Tiere meist geschossen oder mit tödlichen Fallen gejagt. In China gibt es auch Farmhaltung von Moschustieren; die Einzelgänger sind jedoch stressanfällig und sterben häufig einen frühen Tod.
  • Dopingtier: Forscher des Kölner Anti-Doping-Labors fanden 2012 heraus, dass die orale Einnahme von Moschus (von Moschustieren des Kölner Zoos) den Testosteronspiegel erhöht und daher als Doping gelten muss.

Bildlegende

Abb. 1 (Artikelbild): Die enormen Eckzähne männlicher Moschustiere wirken unpassend in unserer Vorstellung von einem Pflanzenfresser, sie haben jedoch eine wichtige Funktion als Verteidigungswaffe. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 2: Bereits über 180 Jahre alt ist dieses Moschustier aus Asien. Während dieser Zeit war es leider UV-Licht ausgesetzt und ist es daher stark ausgebleicht. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 3: Das Original-Etikett enthält leider nur sehr wenige Daten. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 4 und 5: Die 7 Arten der Moschustiere lassen sich unter anderem durch ihre Herkunft und die Halszeichnung bestimmen. Hier ein männliches und ein weibliches Sibirisches Moschustier aus dem Zoo Leipzig. Foto: R. Wirth

Links

Schädel – Sibirisches Moschustier Moschus moschiferus bei Wikimedia:
Bild 1, Bild 2