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»Zyklopen«-Vitrine
Foto: M. Unsöld, ZSM Info Info

Objekt des Monats Oktober 2022

Vom Zwergelefanten zum Zyklopen Polyphem

Unser Objekt des Monats ist ein Schädel eines jungen Indischen Elefanten Elephas maximus indicus. Es handelt sich um ein Kalb einer seltenen Zwillingsgeburt im Münchner Tierpark Hellabrunn im Juli 1951, das kurz nach der Geburt starb. Die Größe des Schädels entspricht in etwa jener der Zwergelefanten bzw. Zwergmammuts, die bis in frühhistorische Zeiten auf vielen größeren Inseln des Mittelmeeres (u.a. Sardinien, Sizilien, Kreta, Rhodos, Zypern) heimisch war. Die jüngsten Funde eines Zwergelefanten auf der Insel Tilos datieren 2.400-1.300 v. Chr., reichen also weit in die antiken (z.B. minoischen, ägyptischen, phönizischen) Hochkulturen des Mittelmeerraumes hinein. Da es in allen Fällen keine Großräuber auf den Inseln gab, kam es durch Vorziehen der Geschlechtsreife (sog. Progenesis) zu einer evolutiven Verzwergung der großen Vorfahren.

Alle Elefanten (Ordnung Probiscidea) zeichnen sich durch eine Verschmelzung der Oberlippe mit der Nase zu einem langen Rüssel (Proboscis) aus. Dementsprechend findet sich im Schädel vorne mittig ein großes Loch, die Nasenöffnung. Anders als beim Menschen liegen die eher kleinen Augen der Elefanten seitlich.

Ausstellungseröffnung Prof. Dr. Gerhard Haszprunar
Ausstellungseröffnung Prof. Dr. Gerhard Haszprunar
Plakat zur Ausstellung mit dem Zyklopen Polyphem
Plakat zur Ausstellung mit dem Zyklopen Polyphem

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass aufgefundene Schädel der Zwergelefanten und Zwergmammuts dahingehend fehlinterpretiert wurden, dass die Nasenöffnung als Augenhöhle deklariert wurde – fertig war die Sage von einäugigen Riesen, den Zyklopen. Dieser Irrtum wurde noch dadurch befeuert, dass es tatsächlich gelegentlich zu einer entsprechenden Missbildung bei Schafen oder Menschen kommen kann (Zyklopedie). Und seit Homer den Zyklopen mit seinem Riesen Polyphem in der Odyssee ein literarisches Denkmal gesetzt hat, sind Zyklopen aus der antiken Sagenwelt nicht mehr wegzudenken.

Unser Objekt des Monats ist Teil der Ausstellung »Fabel-Haft: Der Ursprung der Fabelwesen«, die bis zum 14. April 2023 im Foyer der Uni-Fachbibliothek Philologicum, Ludwigstraße 25 (Erdgeschoss) zu sehen ist; zu fast jedem Objekt aus der ZSM gibt es eine passende, meist kostbare Ausgabe aus der Bibliothek, z.B. eine handkolorierte Ausgabe von Gessners Tierbuch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.

https://www.ub.uni-muenchen.de/aktuelles/veranstaltungen/ausstellung-fabel-haft/index.html

Barbara Ruppel mit dem Schädel des Elefantenkalbs
Foto: M. Unsöld, ZSM Info Info

5 Fakten zu Zwergelefanten

  • Inselzwerge: Auf größeren und durch Anstieg des Meeresspiegels isolierten Inseln ohne Großräuber kam es über ein Vorziehen der Geschlechtsreife immer wieder und vielfach parallel zur evolutiven Verzwergung von unterschiedlichen Elefantenarten. Teilweise war die Schulterhöhe ausgewachsener Tiere nur 1 Meter.
  • »Eurofanten«: Solche Zwergelefanten gab es z.B. auf mehreren Inseln in Südostasien, im Mittelmeerraum sogar bis in die frühhistorische Zeit, möglicherweise sind sie durch menschliche Besiedler der Inseln ausgerottet worden.
  • »Zeitungsenten«: Die diversen Berichte über noch heute lebenden Zwergelefanten in Afrika und Borneo haben sich auf der Basis molekularer Studien nicht bestätigt.

Prof. Dr. Gerhard Haszprunar

Bildlegende

Abb. 1 (Artikelbild): Die »Zyklopen«-Vitrine in der Ausstellung. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 2: Prof. Haszprunar bei der Eröffnung der Ausstellung. Foto: M. Unsöld, ZSM

Abb. 3: Plakat zur Ausstellung mit dem Zyklopen Polyphem. Gestaltung: Annerose Wahl

Abb. 4: Barbara Ruppel mit dem Schädel des Elefantenkalbs, den sie in zwei Ansichten gezeichnet hat. Foto: M. Unsöld, ZSM

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